— Neuner

Nach Wien

Um kurz nach sechs Uhr am Abend besteigt man in Berlin den Zug, der dunkelblau und still, seltsam entrückt steht zwischen dem ganzen modernen Betrieb in Weiß und Rot. DB. Bumm. Zack. An allem vorbei. Unterste Ebene des Hauptbahnhofs. Einstieg. Gemütlich geht´s dann der Nachtwagenschaffner an. Wien Westbahnhof? Morgen um halb Sieben sind wir da. Wann wollen Sie geweckt werden? Halbe Stunde davor reicht? Kaffee oder Tee?

So zu reisen ist schon abgefahren. Nach einigen Flügen von Berlin nach Wien und wieder zurück. Zwölf Stunden im Zug. Eine Strecke. Der Genuss einer vorbeiziehenden Landschaft ergibt sich jedoch nicht in den Wintermonaten. Zu früh wird es dunkel. Aber das Gefühl stimmt. Man legt sich schon etwas hin, lässt einsame Orte, die etwas beleuchtet sind, links liegen. Liest. Man vergisst die Zeit, ist sich aber doch bewusst, dass man es mit Größerem zu tun hat. Orient Express scheint irgendwie ganz nah. Ganz anderer Gang, ganz andere Geschwindigkeit.

Da der Tag am nächsten Morgen recht früh beginnt, besser zeitig zu Bett, Rolladen runter, lesen. Man hört dann ein paar Stimmen, fremde Sprachen, der Zug hält. Grenze? Ein wenig beleuchteter Bahnhof? Nebel? Irgendwie spannend. Rolladen hoch. Das innere Bild bricht. Dresden Hauptbahnhof. Hell erstrahlt. Kein Unterschied zum Hauptbahnhof, Südkreuz. Selbe Materialien. Selbe Langeweile. Zum Glück liegt man im einem Zug, der anders ist. Zum Glück: der stille Stolz des Nachtzugs.

20120120-132439.jpg

Wobei es so still nicht ist. Schwierig ist der Schlaf für Ungeübte, mit all den Bewegungen und der Geräuschkulisse und den Vibrationen. Unterbewusst bleibt man wachsam, reagiert. Und damit schläft man nicht wirklich. Dennoch kommt man, nach Kaffee mit Haselnussschnitte und Schockohörnchen mit Orangensaft, recht fit an in Wien. Sechs Uhr dreißig.

20120120-132602.jpg

Westbahnhof. Noch relativ ruhig. Straßenreiniger. Pendler. Der erste Weg führt ins Cafe Westend direkt gegenüber des Bahnhofs. Macht gerade rechtzeitig auf, um sieben. Die druckfrischen Zeitungen werden in die Lesebügel geklemmt, es riecht nach Brot, Kaffee. Ein guter Augenblick. Der erste in Wien. Angekommen.

20120120-132658.jpg

0 comments
Submit comment